Im großen Exklusiv-Interview mit come-on-fc.com spricht René Wagner über seinen Umgang mit Kritik, schwierige Entscheidungen und seinen Führungsstil. Dabei erklärt der Coach, was ihn „brutal“ geärgert hat und wann er auch mal laut werden muss beim 1. FC Köln: René Wagner gibt im Interview emotionale Einblicke.
Die ersten Wochen im Amt als Cheftrainer des 1. FC Köln waren für René Wagner sicherlich intensiv. So muss sich der Coach Kritik stellen und einen neu zusammengestellten Kader entwickeln. Dabei gilt es sowohl unbequeme Entscheidungen zu treffen als auch die eigenen Idee des Fußballs zu implementieren. Im großen Interview mit come-on-fc.com spricht der Trainer über seinen Umgang mit dem Druck, sein Verhältnis zu den Spielern und darüber, wieviel Harmonie einer Mannschaft eigentlich guttut.

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Das Interview führten Matthias Wilhelm und Simon Bartsch für come-on-fc.com
Teil 2 des Interviews mit René Wagner erscheint am Samstagmorgen bei come-on-fc.com.
Herr Wagner, vor knapp zwei Monaten fühlte ich mich von Ihnen ziemlich ertappt. Im Trainingslager in Kitzbühel hatten Sie den Trainingsplatz gewechselt. Weil ich unbedingt Gideon Mensah aus der Nähe fotografieren wollte, bin ich hinter den Zaun geklettert und habe von dort fotografiert – also nicht aus dem offiziell vorgesehenen Bereich. Dann kamen Sie mit der Mannschaft auf den Platz und winkten ziemlich wild in meine Richtung. Wie gesagt, ich fühlte mich ertappt, bis eine Frau neben mir sagte: „Zu Hause ist er ganz anders.“ Sie haben Ihrer Mutter gewunken.
Wie wichtig ist es Ihnen gerade in diesem Beruf zu wissen, dass es Menschen gibt, die Sie unterstützen und denen es egal ist, ob Sie gewinnen oder verlieren?
René Wagner: Es wäre sehr schön, wenn es ihnen egal sein könnte. Sie fiebern bei den Spielen natürlich auch mit. Ich habe das Gefühl, dass es die Eltern oder nahe Familienangehörige teilweise noch viel härter mitnimmt, wenn man Spiele verliert. Umso schöner ist es, wenn man gewinnt. Den besten Job macht für mich tatsächlich meine Frau. Sie liest interessehalber den ein oder anderen Artikel. Sie ist aktuell der sicherste Anker, den ich habe.
Gibt es auch mal Kritik aus der eigenen Familie? Und können Sie diese dann reflektieren oder annehmen?
René Wagner: Kritik ist immer wichtig. Meine Frau würde sich aber niemals anmaßen, zu kritisieren, wie wir Fußball spielen oder wie wir arbeiten, weil sie sich mit der Materie nicht auskennt. Ich persönlich urteile deswegen auch nie über einen anderen Trainer, weil mir dazu der Kontext fehlt. Aber ich verstehe Menschen, die das tun, weil es ihr Job ist oder weil sie eine emotionale Verbindung zum Verein haben. Ich bin Trainer in der Bundesliga, dieser Job bringt Kritik mit sich. Ich kann das einordnen. Trotzdem darf ich mich davon nicht leiten lassen.
Sie standen schon in Hamburg und in Berlin unter Vertrag – Sie können die verschiedenen Standorte beurteilen. In Köln haben Sie die Stimmungen um Lukas Kwasniok oder Steffen Baumgart mitbekommen. Haben Sie das Gefühl, dass Medien und Fans in Köln mitunter besonders unfair sind?
René Wagner: Generell habe ich persönlich ein sehr starkes Fairnessbedürfnis. Aber ich würde nach einem Spiel nie sagen, Kritik ist unfair. Alle Menschen im Stadion äußern ihre Meinung aufgrund ihrer persönlichen Wahrnehmung, Spiele sind emotional und jeder hat eine andere Informationslage. Nach dem HSV-Spiel ist jeder Spieler, jeder im Staff, jeder Trainer, jeder Fan, jeder Verantwortliche aus dem Stadion gegangen und hat gesagt: „Scheiße, hier war mehr möglich.“ Man muss sich immer bewusst machen: Im Fußball laufen manchmal Sachen gegen uns, die nicht geplant sind und manchmal Sachen für uns, die auch nicht geplant sind. Wenn Mikey Moore das Tor macht, steht es kurz nach der Halbzeit 1:1. Wenn wir uns bei der Standardsituation anders verhalten, kommt vielleicht keiner drei Meter vor dem Tor frei zum Abschluss. Unsere Bewertungsgrundlage ist trotzdem immer unser Plan: Was hatten wir vor, was ist am Ende passiert und woran lag es, dass es nicht funktioniert hat. Daraus resultiert auch Frustration, deshalb kann ich enttäuschte Fans verstehen.
“Einem Spieler mitzuteilen, dass man ihm etwas nicht zutraut, ist wahrscheinlich das Unangenehmste, was es gibt“
Sie haben beim Amtsantritt und auch danach immer wieder die Kommunikation im Team hervorgehoben, das Vertrauen, die Beziehung zu den Spielern. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt Ihrer Arbeit. Müssen Sie Ihre Spieler eigentlich persönlich mögen?
René Wagner: Wir haben 22 Feldspieler plus vier Torhüter – mit dem Staff sind wir fast 50 Leute. Es ist wie in einer Familie, ich glaube auch da ist es so, dass man zu der einen Tante vielleicht einen besseren Draht hat als zu anderen (lacht). Mir ist wichtig, dass jeder Spieler weiß, dass wir zwischenmenschlich alle gleichbehandeln. Aber ich kann natürlich nicht jedem Profi die gleiche Spielzeit geben. Da muss man auch immer den Menschen hinter dem Spieler sehen. Menschen machen Fehler – so wie in jedem anderen Job. Nur werden sie nicht jeden Tag in den sozialen Medien, im Internet, in den Zeitungen und im Fernsehen beurteilt. Ich versuche, jedem Spieler den gleichen Respekt zu geben, indem ich ehrlich, offen und klar mit ihm bin. Wenn sie nicht spielen, nenne ich ihnen die Gründe. Wenn sie spielen, sage ich ihnen aber auch: „Junge, du spielst gerade, aber wenn du so weitermachst, spielst du bald nicht mehr.“ Damit gewinnt man vielleicht nicht immer Sympathien, aber das ist der einzig mögliche Weg.
Ist es schwieriger, einem Spieler zu sagen, dass er nicht spielen wird oder dass Sie ihm gewisse Dinge nicht zutrauen?
René Wagner: Einem Spieler mitzuteilen, dass man ihm etwas nicht zutraut, ist wahrscheinlich das Unangenehmste, was es gibt. Das passiert aber auch nur in den seltensten Fällen. Einem Spieler, der aus der Jugend kommt, kann man manche Sachen vielleicht noch nicht zutrauen, weil er noch nicht so weit ist. Es ist aber auch nicht viel einfacher, einem Spieler zu sagen, dass er nicht spielen wird. Wenn die Erwartungshaltungen klar definiert sind, wird es für die Jungs zumindest nachvollziehbarer. Trotzdem gibt es aber auch Gefühlsentscheidungen, gerade wenn zwei Spieler beispielsweise nahezu gleichauf sind. Die tun am meisten weh, weil man sie nicht erklären kann. Sie sind dann für den Spieler auch nur schwer greifbar.

Im Trainingslager haben Sie vom „sozialen Leim“ innerhalb der Mannschaft gesprochen. Sie stellen das „Wir-Gefühl” in den Vordergrund. Gleichzeitig bedeutet Profifußball aber immer auch Konkurrenz, Egoismus, Enttäuschung. Wie viel Streit kann eine Mannschaft aushalten? Oder andersherum: Ist zu viel Harmonie irgendwann auch gefährlich?
René Wagner: Gesunde, konstruktive Kritik ist wichtig für eine Gruppe. Wir haben am Anfang über viele Themen gesprochen, die uns als Gemeinschaft wichtig sind, und wie wir miteinander umgehen müssen, um erfolgreich zu sein. Dazu gehört immer, dass man sich gegenseitig die Meinung sagen muss und sagen darf, weil wir sonst nicht weiterkommen. Das muss natürlich auf einer konstruktiven Ebene stattfinden. Im Fußball ist das oft allerdings gar nicht möglich: Auf dem Trainingsplatz darf auch mal ein „unkonstruktives“ Wort fallen.
„Wenn keiner dem anderen mehr die Wahrheit sagen kann, bringt es einen nicht voran“
In Kitzbühel hat Ihre Mutter in die Runde damals gefragt, ob das da ihr René sei, der da so schreit. Muss ein Trainer also auch mal laut werden?
René Wagner: Das gehört einfach dazu. Danach muss man aber auch wieder gut miteinander sein. Wenn man sich nur in den Arm nimmt und versucht, sich gegenseitig nicht wehzutun, ist das auf jeden Fall schädlich. Wenn keiner dem anderen mehr die Wahrheit sagen kann, bringt es einen nicht voran. Wenn es aber dahin geht, dass wir uns nur noch kritisieren und haltlose Kritik üben, ist das auch falsch. Es braucht eine konstruktive Balance. Laut kann man meiner Meinung nach werden, wenn es um etwas geht, das nicht verhandelbar ist.
Welcher Spieler hat Sie zuletzt so richtig auf die Palme gebracht und warum?
René Wagner: Gute Frage. Wenn mich einer auf die Palme bringen wollte, müsste er aktiv und mit Absicht etwas falsch machen. Das passiert nicht. Brutal geärgert habe ich mich zuletzt über die Riesenchance von Mikey Moore in Hamburg. Ich wusste, wenn wir aus der Halbzeit kommen und schnell das 1:1 machen, gewinnen wir das Spiel. Ich will einfach daran glauben, dass bei ihm neun von zehn solcher Chancen drin sind. Und wenn es dann die eine von zehn ist, die nicht reingeht, ärgert mich das brutal. Genau diese Momente können ein Spiel entscheiden – wie auch der Kopfball von Thijs Dallinga. Und sie sind so wichtig für die Entwicklung der Mannschaft. Eine Entwicklung verstärkt sich vor allem, wenn man gemeinsam Erfolgserlebnisse sammelt.
Mikey Moore hat sein Trefferglück ja jetzt wiedergefunden und bei der U20 von England zwei Mal getroffen.
René Wagner: Ich hoffe, dass es kein Glück war. Dann müsste ich davon ausgehen, dass er nicht neun von zehn macht, dann wäre es ein 50:50-Ding. Aber im Ernst: Der Junge ist gut, er ist top.
„Wenn im Fußball bei allen alles funktionieren würde, wäre es der langweiligste Sport aller Zeiten“
Sie haben eben schon angesprochen, dass es Entscheidungen gibt, bei denen Sie sich selbst nicht ganz sicher sind und am Ende das Bauchgefühl entscheidet. Trotzdem müssen Sie diese vor der Mannschaft und vor der Öffentlichkeit vertreten. Gab es Entscheidungen, an denen Sie selbst gezweifelt haben, bei denen Sie aber nach außen stark auftreten mussten?
René Wagner: Die gibt es immer. Wie gesagt, die härtesten Entscheidungen sind die, bei denen die Informationslage einfach keine Entscheidung hergibt. Entweder, weil beide Spieler etwas anderes mitbringen, beide aber passen würden oder, weil beide trainieren, beide performen, beide spielen könnten und beide der Mannschaft das Gleiche geben. Entscheidungen wie bei einer Auswechslung trifft man in dem Moment mit Überzeugung. Und muss im Nachhinein auch mal damit leben, dass es vielleicht nicht perfekt war. Wirklich weh tut es, wenn etwas spielentscheidend war. Das ist uns zum Glück noch nicht passiert. Wenn im Fußball bei allen alles funktionieren würde, wäre es der langweiligste Sport aller Zeiten.
Wann haben Sie zuletzt nach einem Spiel gedacht, da habe ich einen Fehler gemacht?
René Wagner: Nach jedem Spiel setze ich mich hin und analysiere, was passiert ist. Wir wollen ein Spiel so souverän wie möglich in unsere Richtung lenken, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, es zu gewinnen. Aber auch wenn wir alles dafür tun, alles richtig machen, können wir trotzdem verlieren. Denn auf der anderen Seite steht ein Gegner, der das Gleiche vorhat oder individuell vielleicht sogar besser besetzt ist. Nach dem Spiel gegen Union Berlin haben wir uns natürlich gefragt, ob die drei Wechsel sinnvoll waren. (Der FC führte im Mai 2:0 und kassierte nach drei Wechseln in der Schlussphase noch zwei Gegentore; Anm. d. Red.)
Zu Beginn der Woche kamen etwas merkwürdige Trainergerüchte auf, eine mögliche Nachfolge von Horst Steffen, der ein Spiel der U21 gesehen hat, hat sich aber als falsch herausgestellt. Was machen solche Meldungen mit Ihnen, vor allem wenn Sie wissen, wie viel – oder in dem Fall eher wie wenig – tatsächlich dran ist?
René Wagner: Meine Frau hat es mir abends gezeigt. Mittlerweile fragt sie mich dann, ob da etwas dran ist. Ich hatte in keiner Weise das Gefühl, dass das stimmen könnte. Dafür entwickelt man ja auch mit der Zeit ein Bauchgefühl. Die Kommunikation innerhalb des Vereins ist ganz klar. Außerdem habe ich auch ein paar Gehirnzellen im Kopf, um das richtig einzuordnen (lacht). Mir tut es dann eher leid, wenn meine Frau zwei Stunden auf der Couch sitzt und sich fragt, was da los ist.
Zum Abschluss gehe ich noch einmal zurück nach Kitzbühel ins Trainingslager. Wenn wir in zehn Jahren im Trainingslager mit dem FC sind, Sie sind noch da und Ihre Eltern stehen neben mir. Was würden Sie sich wünschen, was sie dieses Mal zu mir oder in die Runde sagen?
René Wagner: Wenn ich in zehn Jahren hier noch Cheftrainer bin, dann muss viel Geiles passiert sein. Dann müssen wir wahrscheinlich darüber sprechen, dass wir in der Europa League ein bisschen weitergekommen sind. Oder sie erzählt, wie cool es im Berliner Olympiastadion war. Es müssen auf jeden Fall besondere Sachen sein, um bei einem Verein wie dem 1. FC Köln zehn Jahre im Amt zu sein.
Das zweiten Teil des Interviews mit René Wagner lest ihr am Samstagmorgen bei come-on-fc.com.
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