Vier Gegentore nach Standards hat der 1. FC Köln in dieser Saison bereits kassiert. Bei der Suche nach Ursachen steht bislang vor allem die Abwehr im Mittelpunkt. Doch Torwartexperte Sascha Felter sieht auch bei Marvin Schwäbe ein Defizit – und erklärt, warum der FC seinem Schlussmann bei Ecken und Freistößen gezielt helfen sollte.
Schon so manch einen Punkt hat der 1. FC Köln in dieser und der vergangenen Saison liegen gelassen, weil man zu viele Gegentore nach Standards kassiert hat. Bisher weniger in den Fokus geraten bei der Suche nach Gründen ist Torwart Marvin Schwäbe. Dabei ist das Abfangen von Flanken keine Stärke des Keeper, wie Torwartexperte Sascha Felter meint.

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Es war eine Situation, die den Spielverlauf etwas auf den Kopf gestellt hat: Während der 1. FC Köln am vierten Spieltag gegen den HSV in der ersten Halbzeit zwar einige Chancen auf die Führung hatte, aber keinen Treffer erzielen konnte, machte es der Gegner auf der anderen Seite besser. Mit einer der ersten richtigen Chancen erzielten die Rothosen nach einer Ecke das 1:0 und legten damit den Grundstein für den 2:1-Sieg gegen die Kölner. Für den FC wiederum hatte es etwas von einem Déjà-vu. Denn es war bereits der vierte Gegentreffer nach einer Standardsituation in der aktuellen Spielzeit. Und auch schon in der vergangenen Saison kassierten die Geißböcke auffällig viele Tore auf diese Art. Weniger diskutiert wurde bei der Suche nach Ursachen bisher über die Rolle von Keeper Marvin Schwäbe. Obwohl gerade Torhüter natürlich einen wichtigen Anteil an einer erfolgreichen Standardverteidigung haben.
„Linientiger“ Schwäbe: Wo der Experte die Schwächen des FC-Keepers sieht
So sieht Torwartexperte Sascha Felter bei Schwäbe ein „Defizit“ im Abfangen von Standards. Felter ist selbst Torwarttrainer, betreibt den Podcast Keeperanalyse, bei dem er sich mit dem Torwartspiel in der Bundesliga auseinandersetzt, und schreibt als freier Journalist regelmäßig unter anderem für das Magazin „11FREUNDE“. Außerdem hat er zum Ende der vergangenen Saison alle 2985 Ecken der Saison 2025/26 aus Torhüter-Sicht analysiert. Dabei ist ihm Schwäbe eher als „Linientiger“ aufgefallen. Dazu passt die Art des Keepers, bei einer Flanke abzuspringen. So springt der 31-Jährige immer mit beiden Beinen ab. Dabei könnte ihm ein Absprung mit einem Bein mehr Dynamik verschaffen. „Das hat den Vorteil, dass du eher nach vorn agieren kannst. Wenn du so ein bisschen das Knie mit hochziehst, kannst du dir außerdem ein bisschen Platz verschaffen zum gegnerischen Spieler“, so Felter.
Darüber hinaus faustet der FC-Schlussmann den Ball häufig, statt ihn zu fangen. Das Problem dabei: Schwäbe faustet im Vergleich zu den anderen Bundesliga-Keepern häufig so, dass der Gegner danach an den Ball kommt, der Torwart die Situation also nicht vernünftig klärt. „Das lag meistens daran, dass er keine gute Vorbereitung auf die Flanken hatte. Und er wurde oft von einem Gegenspieler gestört“, erklärt Felter. Letzteres sei eine weitere Auffälligkeit. So werde heute häufig ein Angreifer dafür abgestellt, den gegnerischen Torwart zu blocken. Das machte zum Beispiel auch Fabio Vieira beim anfangs beschriebenen Treffer des HSV. Ohne Schwäbe zu foulen stellte sich der Hamburger dem Keeper in den Weg, sodass dieser nicht rauskommen konnte, um die Flanke abzufangen. Dadurch köpfte Nicolas Capaldo ungestört aus ein paar Metern Entfernung ein.
Warum Marvin Schwäbe bei Standards einen „Bodyguard“ braucht
Das ist laut Felter ein Muster beim FC-Torwart. Während ein paar andere Torhüter wie zum Beispiel Dortmunds Gregor Kobel es schaffen, sich durch einen kleinen Schubser gegen den Gegenspieler genug Raum zu verschaffen, gelingt Schwäbe das meistens nicht. An der Stelle nimmt der Torwartexperte den Kölner Schlussmann aber explizit in Schutz. „Der Torhüter kann mittlerweile nicht mehr gleichzeitig auf den Ball gucken, die Flugbahn des Balles einschätzen und sich dabei dann noch einen Gegenspieler vom Leib halten“ meint Felter. Daher sei das Verteidigen von Standards ein „gruppentaktisches“ Verteidigen. Der FC müsse sich auf die Art des Spiels seines Torwarts einstellen und seine Verteidigung entsprechend anpassen.
Ein Mittel könnte sein, Schwäbe einen „Bodyguard zu geben, der ihm die Stürmer vom Hals hält“. Denn dass der Keeper sich in dieser Hinsicht nochmal signifikant verbessert, denkt Felter eher nicht: „Er ist halt nicht der Typ, der sich proaktiv in den Raum reinstellt. Jetzt kann man natürlich sagen, dass er das üben muss. Aber wenn du das über Jahre nicht so richtig reinbekommen hast und auch kein riesiger Torhüter bist, dann ist das natürlich auch schwer.“
Trotz Standardschwäche: Felter hält Schwäbe für einen Top-Torwart
Trotz der vermeintlichen Defizite bei der Standard-Verteidigung sieht Felter Schwäbe insgesamt als einen sehr guten Torhüter für den FC. „Dass Schwäbe damals zu Köln gewechselt ist, war das Beste, was dem Verein hätte passieren können. Ich finde, das ist ein fantastischer Torhüter. Er ist so ein typisch deutscher Keeper, der sehr komplett ist und wenig bis kaum nennenswerte Schwächen hat. Der könnte auch gut bei einem Top-Fünf-Team spielen“, ist der Torwarttrainer überzeugt. Dabei würden durch seine „Klasse, Erfahrung und Ruhe“ viele Aktionen nicht so spektakulär wirken. Aber im Hinblick auf die Torwarttechnik und -taktik würde es Schwäbe meistens sehr gut machen. Damit wird der 31-Jährige mit Sicherheit auch in dieser Saison weiter ein wichtiger Rückhalt für seine Mannschaft sein – auch wenn diese sich bei Standards vielleicht noch mehr an eine seiner wenigen Schwächen anpassen muss.
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