Lukas Kwasniok galt vor allem zu Saisonbeginn bei vielen als BaumgartโNachfolger, tatsรคchlich aber steckt dann doch aber mehr Marcelo Bielsa in seinem 1. FC Kรถln: So stark ist Lukas Kwasniok von Marco Bielsa geprรคgt.
Trainer-Ikone Marcelo Bielsa beeinflusste auch den Cheftrainer des 1. FC Kรถln: So eifert Kwasniok seinem Idol nach.

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Kaum ein Trainerduell in der Bundesliga lรคdt auf den ersten Blick so sehr zum Vergleich ein wie das zwischen Steffen Baumgart und Lukas Kwasniok. Beim zweiten Hinschauen ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Zwar arbeiteten beide einst beim SC Paderborn, gaben sich dort 2021 gewissermaรen die Klinke in die Hand und tauchten spรคter beide beim 1. FC Kรถln wieder auf. Doch darรผber hinaus haben die Coachs nur wenig gemeinsam. โIn Bezug auf den Umgang mit der Mannschaft und auf die fuรballspezifische Annรคherung gibt es schon Unterschiedeโ, befand Kwasniok bereits im Juni und fรผhrte weiter aus: โEs gab einen Baumi 1.0, und jetzt gibt es einen Luki 1.0. Wenn wir dann am Ende so erfolgreich sind wie unter Baumi, nehmen wir uns alle in die Arme und sagen: coole Zeit.โ
Spรคtestens beim ersten direkten Aufeinandertreffen am vergangenen Samstag zeigte sich, was der FCโCoach meinte. Wรคhrend Baumgart mit Union aus einer auf Stabilitรคt und Fรผnferkette geeichten Linie heraus agierte, stellte Kwasniok den FC mit einer auf den Gegner zugeschnittenen Viererkette mit Kristoffer Lund, Dominique Heintz, Rav van den Berg und Sebastian Sebulonsen auf, meldete Unions Angreifer Oliver Burke und Ilyas Ansah, die insgesamt nur 16 Ballaktionen vorzuweisen hatten, praktisch ab und trieb die Geiรbรถcke phasenweise auf รผber 70 Prozent Ballbesitz. Wรคhrend Baumgart, einst Verfechter eines bedingungslosen und risikoreichen Offensivspektakels, in der Hauptstadt inzwischen erfolgreich den Fokus auf defensive Stabilitรคt legt, setzt Kwasniok auf proaktiven, vertikalen Attacke-Fuรball.
Wer ist Kwasniok-Vorbild Marcelo Bielsa?
Wollte man Vergleiche mit dem FCโCoach anstellen, mรผsste der Blick daher weniger nach Berlin als nach Montevideo gehen, wo mit Marcelo Bielsa jener Trainer arbeitet, dem Kwasniok seit Jahren zumindest in Teilen nacheifert. Marcelo Bielsa ist einer der einflussreichsten Fuรballlehrer der Gegenwart und steht sinnbildlich fรผr die radikale, proaktive Idee vom Spiel, an der sich Kwasniok im Idealfall orientiert. Der Argentinier trainierte unter anderem Athletic Bilbao, Lazio Rom, Olympique Marseille, Lille und Leeds United. Letztere fรผhrte er 2020 nach 16 Jahren Abstinenz aus der zweiten englischen Liga zurรผck in die Premier League, bevor der Argentinier 2023 als Nationaltrainer Uruguays anheuerte.
Der 70-Jรคhrige gilt als Vordenker einer Schule, der auch Spitzentrainer wie Pep Guardiola folgen. Die Essenz seines Ansatzes beschrieb er einmal so: โIch will, dass meine Mannschaft Protagonist ist, die Initiative รผbernimmt, das Spiel in der gegnerischen Hรคlfte stattfinden lรคsst, Ballbesitz hat und den Ball bei Verlust schnell zurรผckerobert.โ Das erklรคrt, weshalb Kwasniok mal รผber ihn sagte: โรber allen steht Marcelo Bielsa, weil ich ihn bewundere. Er ist unkonventionell, denn er hat gesagt: โEgal, was andere machen, ich ziehe meine Arbeit durch.โ Ob diese aktuell modern ist oder nicht, sei dahingestellt. Deswegen hat es mich extrem gefreut, dass er mit Leeds United nach so langer Zeit den Aufstieg in die Premier League geschafft hat.โ Natรผrlich ist der Bielsa-Fuรball mit dem aktuellen Kรถlner Kader nur schwer zu realisieren und offenbar auch nicht der Anspruch des Kรถlner Coachs.
Kein Platz fรผr Kompromisse
Marcelo „El Loco“ Bielsa eilt aber der Ruf eines Trainers voraus, der seine Spieler bis an ihre Grenzen belastet. Genau dort erkennt sich Lukas Kwasniok wieder: Er erwartet stringent offensives Denken sowie ein ebenso rigoroses Verhalten gegen den Ball mit schnellem Zustellen, aggressivem Anlaufen, konsequentem Abfangen von Pรคssen und permanentem Druck auf den Gegner. Seine Mannschaft setzte dies zum Saisonstart beeindruckend um, trug die taktischen Ideen auf den Platz und legte sich mit Gegnern innerhalb und auรerhalb der eigenen Gewichtsklasse an, รผbertรถlpelte Mainz, fรผhrte Freiburg phasenweise vor, lieร sich in Wolfsburg nicht unterkriegen und fertigte Mitaufsteiger HSV ab. Dadurch fraร sich das Team ein Punktepolster an, das die Geiรbรถcke trotz Verletzungsmisere in der Innenverteidigung und anhaltender Anfรคlligkeit bei defensiven Standards relativ entspannt รผber den Winter bringt.
Ein weiterer Grundsatz, der Bielsa und Kwasniok verbindet, lautet: Der Mannschaftserfolg steht รผber allem, fรผr Allรผren bleibt kein Platz, es zรคhlen ausschlieรlich Leistung und die Idee, die sich Trainerteam und Staff in den Kopf gesetzt haben. Besonders deutlich wird das am Umgang mit Spielern wie Linton Maina, dem vor dieser Saison viele eine zentrale Rolle im Offensivspiel zugetraut hatten, den Kwasniok aber phasenweise zugunsten von Konkurrenten auรen vor lieร und im Auswรคrtsspiel in Wolfsburg Anfang September sogar komplett aus dem Aufgebot strich.
Erfolg ohne Kuschelkurs
Wo Marcelo Bielsa an der Seitenlinie steht, stellt er Ablรคufe, Trainingsinhalte und die Spielidee radikal um und nimmt bewusst in Kauf, dass schnelle Erfolge ausbleiben und Reibungen unvermeidlich sind. Zugleich hรคlt er kompromisslos an seinen Prinzipien fest: Bei Lazio Rom kรผndigte er den gerade erst angetretenen Job nach zwei Tagen, weil zugesagte Transfers ausblieben, in Marseille verschliss er innerhalb einer Saison mehrere รbersetzer und packte nach nur einem Jahr wieder die Koffer, in Lille war nach wenigen Monaten und 14 Pflichtspielen Schluss.
Auch Kwasniok scheut nicht davor zurรผck, anzuecken und angreifbar zu sein. Beim FC etwa attestierte er vor Saisonbeginn รถffentlich einigen Spielern des Kaders fehlende Bundesligatauglichkeit und sendete damit ein unmissverstรคndliches Signal an die eigene Kabine. Noch in Paderborn hatte er obendrein seinem Unmut freien Lauf gelassen, als ihm die Fรผhrungsetage einen Wechsel zum HSV als potenzieller Nachfolger fรผr Steffen Baumgart verwehrte.
Von Dogmatikern und Tรผftlern
So sehr sich beide in Intensitรคt und Anspruch รคhneln, offenbaren sich in einem Punkt wesentlicher Unterschiede. Bielsa gilt als Dogmatiker, der seinen Matchplan nur in geringem Maรe an den Gegner oder den Spielstand anpasst, setzt auf wiederkehrende Strukturen und eindeutigen Rollen. So setzt er fast ausnahmslos auf ein offensives 4-3-3 und fรคhrt damit auf der Erfolgsspur mit Uruguay. „La Celeste“ qualifizierte sich letztes Jahr fรผr die Weltmeisterschaft 2026 in Mexiko und den USA.
Kwasniok hingegen wurde zunรคchst dafรผr gelobt, zuletzt aber dafรผr kritisiert, flexibel umzustellen, gegnerische Taktiken zu spiegeln oder zu konterkarieren und so Mannschaften zu formen, die fรผr den Gegner โekligโ und schwer zu greifen sind. Sinnbildlich dafรผr steht, dass er in der laufenden Saison nur ein einziges Mal auf eine unverรคnderte Startelf setzte: Beim Duell mit Bayer Leverkusen vertraute er auf eine Dreierkette mit Martel, Van den Berg und Sebulonsen, auf den Auรenbahnen spielten Thielmann und Kaminski, im Zentrum Huseinbasic und Krauss und in der vordersten Linie Waldschmidt, El Mala und Bรผlter. Wรคhrend Bielsa seine starre Spielphilosophie nahezu unverrรผckbar durchzieht, sucht Kwasniok hรคufiger den Kompromiss zwischen eigener Idee und pragmatischer Anpassung an Liga, Kaderprofil und Tabellenlage.
Die Haltung wahren
Es sind wohl auch die Tugenden Bielsas, die Kwasniok auch in schwierigeren Phasen Zuversicht geben dรผrften. Der FCโCoach erlebt in Kรถln zum ersten Mal eine Phase, in der seine Ideen auf deutlich mehr Widerstรคnde treffen und die Ergebnisse lรคngst nicht mehr so mitlaufen, wie es der couragierte Saisonstart versprochen hatte. Die 1:0-Niederlage gegen die Kรถpenicker am vergangenen Spieltag markierte einen unversรถhnlichen Jahresabschluss fรผr die Domstรคdter, die mit einem spรผrbaren Gefรผhl der Unzufriedenheit ins neue Jahr gehen.


















